Überblick

Auslöser: Ganztagsgrundschule heißt Schulpflicht (in verbindlicher Form und in Wahlform) Schulgesetzänderung NEU SchG BW §4a 2014/GTVO 2014: Ganztagsschulen an Grundschulen sowie den Grundstufen der Förderschulen – Schulpflicht an 3 oder 4 Nachmittagen in der Woche / 7 oder 8 Stunden pro Tag. Ganztagsschule gibt es in verbindlicher Form und Wahlform. Wahlform bedeutet, dass eine Wahl zwischen Halb- und Ganztagsschule besteht. Dabei umfasst die Anmeldung für den Ganztagsbetrieb mindestens ein Schuljahr. Weiterhin gibt es die Halbtagsschule.

Die Umfragen: Karlsruhe 2010/11: Schülerhort 40,9%, Ergänzende Betreuung 33,8%, Ganztagsschule 20,7%  (Umfrage zur präferierten Betreuungsform in der Grundschule der Stadt Karlsruhe 2011)³

Openpetition „Nachmittagsbetreuung an Grundschulen muss freiwillig und flexibel bleiben“ der Initiative Gute Grundschule aus Stuttgart, 2014: 11750 Unterstützer, davon 840 aus Karlsruhe https://www.openpetition.de/petition/online/nachmittagsbetreuung-an-grundschulen-muss-freiwillig-und-flexibel-bleiben

Infratest dimap für Bertelsmann 2010, 3. Jakoo Bildungsstudie 2014, Insa Consulere 2014; Baden-Württemberg: s.
http://www.initiative-gute-grundschule.de/?page_id=158 : maximal 34% in den uns bekannten

Umfragen wünschen eine verpflichtende Ganztagsschule.

Ziele der Regierung: Die Rot-Grüne Landesregierung treibt den Ausbau der verpflichtenden Ganztagsschulen rasant voran. Zielquote: „dass sich bis 2023 rund 70 Prozent der Grundschulen und Grundstufen der Förderschulen an dem neuen Ganztagsschulprogramm beteiligen“².
Die Ganztagsschule erhält eine Landesförderung durch Zuweisung von Lehrerwochenstunden. Eine Lehrerwochenstunde entspricht einem Geldäquivalent von 1800€ pro Gruppe pro Jahr. Beim von den Kommunen favorisierten Modell mit 4×8 Stunden erhält die Schule 12 Lehrerwochenstunden = Geldäquivalent von 21.600€ pro Gruppe pro Jahr, davon können 50% monetarisiert werden. Monetarisierung bedeutet diesbezüglich, dass mit dem Geld Bildungspartnerschaften eingegangen werden können mit Vereinen, kommunalen oder kirchlichen Trägern, die Teile der Angebot übernehmen.

Vereinbarung der Landesregierung mit den kommunalen Landesverbänden: Horte werden zum Auslaufmodell. Unter anderem dadurch: Bestehende Betreuungsprogramme (Hort, Kernzeit) werden nicht mehr vom Land bezuschusst, wenn eine Schule Ganztagsschule nach neuem Konzept wird (12.373€/Jahr pro Hortgruppe; 485€ je betreute Wochenstunde pro Gruppe für die Ergänzende Betreuung). Neuanträge auf Förderung des Landes sind für Hort und Kernzeit ab Schuljahr 2015/16 nicht mehr möglich. Es gibt lediglich einen Bestandsschutz für bestehende Hortgruppen/Kernzeit, sofern an der Schule keine Ganztagsschule (auch in Wahlform) eingeführt wurde.⁴

Stadt Karlsruhe: In der Rahmenkonzeption der Stadt Karlsruhe für Ganztagsangebote für Grundschulkinder vom 27.9.2013 steht:  “Grundsätzlich soll die Ganztagsschule das Basismodell für den Schulalltag sein.” (S.5). Auf S. 16, 3.6 ist eine Zusammenfassung/Überblick der Planung einzusehen. “Zukünftiges Standardbetreuungssystem” ist demnach die Ganztagsgrundschule”. “Horte bleiben bestehen, soweit der Bedarf nicht durch ein Ganztagsschulangebot abgedeckt werden kann”. (Dieser Passus steht unter “b) Modell eines Übergangssystems”). Unter “c) Zukünftiges Standardbetreuungsprogramm” findet man ein Schaubild. Hier gibt es einen Bereich Ganztagsschule (ca. 74%) sowie einen Bereich Halbtagsschule (ca. 26%). Ein Hort ist hier nicht mehr aufgeführt.  Auf S.14 finden wir den Satz unter dem Abschnitt “Halbtagsschulen” …”Sollte Betreuungsbedarf nach 14.00Uhr bestehen, kann die Ganztagsschule besucht werden. Eine alternative Betreuungsform nach 14 Uhr muss durch die Eltern organisiert werden.” ¹
Die Ganztagsschule wird somit im Vergleich zur Halbtagsschule mit flexiblen Angeboten protegiert. Hier möchten wir ergänzend anführen: wir haben Informationen aus Karlsruher Grundschulen, in denen AG´s nur von Ganztagsschülern gebucht werden können. Kernzeitkinder dürfen ab dem Schuljahr 2015/16 nicht mehr für das Mittagessen angemeldet werden (lediglich Bestandsschutz). Ganztagskinder erhalten die Möglichkeit, einen Schwimmfix-Kurs an der Schule zu erhalten: http://www.ganztagsschulen.org/de/9733.php.  

Resultat:

  • Steuerung an den Bedarfen und Umfrageergebnissen vorbei
  • zwar: Wahlfreiheit zwischen Halbtagsschule und verpflichtender Ganztagsschule
  • aber: Lücke bei der freiwilligen Form der Mittags- und Nachmittagsbetreuung
  • Ganz oder gar nicht – keine Wahlfreiheit zwischen verpflichtender Ganztagsschule und Halbtagsschule mit freiwilligen, flexiblen Mittags- und Nachmittagsangeboten
  • Ganztagsschule wird finanziell und tatsächlich privilegiert
  • Negative Auswirkungen auf Musikkultur und Sportvereine in Baden-Württemberg
  • Eindeutige Längsschnittstudienergebnisse, die die Festlegung auf verpflichtenden Ganztag in rhythmisierter Form als notwendige Konsequenz haben, sind uns nicht bekannt (vgl. StEG-Studie, Aktionsrat Bildung).

Unsere Ziele:

  • Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein zentrales Thema in unserer Gesellschaft. Unsere Gesellschaft ist sehr heterogen. Es gibt unterschiedliche Bedürfnisse der Kinder, Eltern und Arbeitswelten. Ein Schlagwort unserer Gesellschaft ist Flexibilität.
  • Wir wünschen: den Erhalt und die qualitative Weiterentwicklung einer freiwilligen Mittags- und Nachmittagsbetreuung = „offener Ganztag“. Bestehende Systeme (Kernzeit, Hort, flexible Nachmittagsbetreuung) sollten dabei erhalten, integriert und weiterentwickelt werden. Das Erarbeiten von flexibel buchbaren Modellen erachten wir als wichtig.
  • Fokus Ganztagsschule: wie gelingt die Umsetzung in verbindlichen Ganztagszügen? (Vorbild Bayern?) Die „Notlösung“ des Unterrichtens von Halb- und Ganztagsschülern in gemeinsamen Klassen (= „Mischklassen“), führt die Rhythmisierung ad absurdum.
  • Im Verlauf wird sich zeigen, welche Schul- und Betreuungsformen in welchem Umfang gebraucht werden und welche Ergebnisse sich im Längsschnitt bezüglich Bildungsniveau und Bildungsgerechtigkeit ergeben.
  • Bedenken der gesellschaftlichen Auswirkungen: z.B. bezüglich Lösungsideen für Vereinbarkeit Familie und Beruf: Wenn die verpflichtende Ganztagsschule flächendeckend etabliert ist, ist entschieden, dass sich das Kind maximal anpasst an die Herausforderungen des Vereinbarkeitsproblems. Alternativ kann sich ein Elternteil anpassen, indem das Kind in die Halbtagsschule geht.  Ein Beibehalten und Ausbauen von freiwilliger und flexibler Nachmittagsbetreuung ermöglicht die Weiterentwicklung der Arbeitswelten. z.B. passgenauere Arbeitszeiten für Mütter; Möglichkeit der Einbeziehung der Väter in die Nachmittagsbetreuung über Teilzeitangebote. Vision: Entschleunigung der Rush-Hour des Lebens – Teilzeit von Mutter bzw. Vater über eine begrenzte Zeit ohne Karriereknick für die betreffende Person?! – ein ganz anderer Ansatz, die Herausforderungen der Vereinbarkeit anzugehen, der durch die aktuelle schulpolitische Weichenstellung im Keim zu ersticken droht.

 

Zuletzt geändert 09.07.2015


¹ “Rahmenkonzeption der Stadt Karlsruhe für Ganztagsangebote für Grundschulkinder” festgelegt worden: http://www.karlsruhe.de/b2/schulen/anschriften/ganztagsschulen.de
² http://www.km-bw.de/,Lde/Startseite/Themen/Ganztagsschule, abgerufen am 7.7.2015
³aus „Ergebnisse der Elternumfrage zum Betreuungsbedarf der Grundschüler der 1. Klasse 2011/12“, Amt für Stadtentwicklung, Karlsruhe, 5/2011.
⁴ Eckpunktepapier von Land BW und den kommunalen Landesverbänden zur Ganztagsschule
zuletzt geändert am 07.07.2015